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Eindrücke eines Taizéfrischlings


Morgenstund hat Gold im Mund Der Autor bei seiner rituellen Morgenarie

Hier zum Schmökern in aller Ruhe

(Text als Word-Datei, zum Herunterladen anklicken)

communautedetaizeohnebilder.doc [99 KB] (Mein erster Aufenthalt in Taizé)
taizeenglisch.doc [74 KB] (englische Übersetzung)

seelenbalsamtaize.doc [72 KB] (Mein zweiter Aufenthalt inTaizé)
zurueckintaizeohnebilder.doc [76 KB] (Mein dritter Aufenthalt in Taizé)

friedenvontaize.doc [8.091 KB]
friedenvontaizeohnefotos.doc [72 KB] (Die Eindrücke von meinem vierten Aufenthalt (Pfingstwoche 2007), wahlweise mit 27 Fotos oder Text "pur". Wie üblich "leichtverdaulich". Regenbogen Tourservice, Kaninchen auf dem Zebrastreifen, Skateboardsolos in der Versöhnungskirche, "bavarian english", tiefschürfende Toilettenerkenntnisse beim Einsatz an der WC-Front, der ganz "normale" Taizé-Alltag eben! ;-)

fruehlingintaize.pdf [40 KB] (Meine sechste Taizéwoche (Anfang Mai 2009))

Communauté de Taizé. Endlich geschafft!

Die Junisonne knallt in gleißender Unerbittlichkeit vom Himmel als würde sie dafür bezahlt. Elf Stunden Fahrt haben ihren Tribut gefordert. Aufseufzend recke ich meine hoch aufgeschossenen 165 cm und provoziere ein erleichtertes Knacken in allen Gelenken. Mein Hemd klebt an mir als wäre ich eine frisch beleckte Briefmarke und ich dufte wie ein exhumierter Hamburger.

Aber wir sind da, das allein zählt!

Was 1949 mit sieben Brüdern um Frère Roger in dem verschlafenen französischen Städtchen Taizé als ökumenische Bruderschaft begann, hat sich völlig unerwartet zu einem spirituellen Senkrechtstarter gemausert. In der „Hochsaison“ im August treffen sich hier wöchentlich bis zu 6000 Jugendliche unterschiedlichster Nationalitäten und Konfessionen.

Natürlich hält sich Taizé absolut nicht an meine detailreichen Phantasievorstellungen. Ich habe eine kleine Stadt erwartet, mit riesigen Parkplätzen, Zelt- und Barackenfluchten und einem gigantischen Ameisenhaufen aus zahllosen Jugendlichen. Die Realität ist viel beschaulicher und unspektakulärer. Als Erstes fällt der Vorbau der Kirche mit seinen russischen Zwiebeltürmchen und dem griechisch-orthodoxen Doppelkreuz.

Entlang der Straße, hinter einer malerischen Trockenmauer aus Natursteinen, erstrecken sich niedrige Baracken.

Mein Orientierungssinn würde Winnetou in den Wahnsinn treiben, selbst eine altersschwache Miesmuschel schlägt mich um Längen. Jede neue Umgebung bekommt bei mir die gleiche Chance, d.h. ich finde mich in demokratischer Fairness absolut nirgends zurecht. Das simple, räumliche Konzept von Taizé sollte eigentlich sogar ich kapieren. Als geniale Orientierungshilfe dient die Hauptstraße, links davon befinden sich praktisch sämtliche Gebäude, rechts davon Park- und Zeltplätze.

Sollte ich es tatsächlich erstmals schaffen mich irgendwo nicht zu verlaufen? Der nächste Schritt wäre dann fast schon auf dem Wasser zu wandeln. Zunächst stehen wir mäßig dekorativ und etwas hilflos in der Landschaft. Zum Glück war unsere Freundin im Jahr zuvor schon einmal hier und ist daher mit all den mysteriösen Aufnahmeritualen vertraut. Als Landmarke für die (relativ) erwachsenen Neuankömmlinge dient der ausgelagerte Glockenturm, in seiner unmittelbaren Nähe befinden sich alle Ställe für die Amtsschimmel.

Segensreicherweise wiehern sie in Taizé nur ganz, ganz leise!

Eine junge Koreanerin schlägt sich auf der Suche nach unseren Namen furchtlos durch den Listendschungel. Zunächst vergeblich, aber als wir uns dann alle an der Suche beteiligen, springen uns die gesuchten Namen vorwarnungslos von links unten an. Heureka, jetzt gibt es uns also offiziell! Wir werden an eine kleine Gruppe weitergereicht, in der eine Schweizerin eine komprimierte Blitzeinführung gibt. Unter anderem mit einem ausführlichen Lageplan, gepriesen sei ihre Weitsicht.

Nächster Programmpunkt sind die ebenfalls sehr unkompliziert gehandhabten Finanzen. Je nach Herkunftsland des Gastes und der Art der Übernachtung (Baracke, Zelt, eigenes Zelt) gibt es individuelle Preisspannen mit einem Maximum und einem Minimum. Jeder kann völlig frei entscheiden, wieviel er innerhalb dieses Rahmens zahlen möchte. Als Quittungen dienen die Essensmarken, eine Art kulinarische Streifenkarten mit witzigen handgemalten Motiven. Pro Mahlzeit – Frühstück ausgenommen – wird einer der Streifen abgegeben, bis man Taizé schließlich „mit leeren Händen“ verlässt.

Ich berge die Verheißung kommender Gaumenfreuden zärtlich an meinem Busen, wahrscheinlich werde ich zehnmal am Tag nachschauen, ob ich sie nicht verloren habe. Hungertod ist grausam!

Überraschenderweise bekommen wir als Ehepaar ein Doppelzimmer zugewiesen, dabei hatte ich mich seelisch schon auf die Übernachtung in den Gemeinschaftsbaracken eingestellt. Zum einen bin ich jetzt wirklich zutiefst erleichtert, dass ich mich nicht mit den Schlaf- und Schnarchgewohnheiten von fünf männlichen Mitstreitern auseinandersetzen muss. Meine Nachtruhe ist mir heilig, schließlich hilft selbst der ungestörte Schönheitsschlaf schon wenig genug. Andererseits sind wir damit räumlich von der restlichen Gemeinschaft isoliert und ich empfinde diese Distanz als Feigheit vor dem noch nicht näher definierten Feind.

Unseren Zimmerschlüssel erhalten wir in „Abiod“, dem Erste Hilfe-Zentrum und Sitz der Schwestern von St. André.
Auch die „Senioren“ haben hier ihre Zimmer, die etwas komfortabler sind als die normalen Baracken.

Ich beäuge den Schlüssel im mittelalterlich-rustikalen Design etwas skeptisch. Mit dem monströsen Holzanhänger könnte Obelix auf Wildschweinjagd gehen, in eine europäische DIN-genormte Hosentasche passt er mit Sicherheit nicht.

Wir wohnen in Ameugny, einem kleinen Dorf außerhalb von Taizé. Meine Frau und ich tauschen einen resignierten „Da-finden-wir-im-Leben-nicht-hin“-Blick. Wir finden! Gepriesen sei die zentrale Hauptstraße, führt sie doch auch schnurstracks nach Ameugny. Netterweise hat man uns auch noch das letzte – und damit eindeutig definierte – Haus auf der rechten Seite zugewiesen, das auch noch einen unverwechselbaren runden Turm besitzt. Man meint es offensichtlich wirklich gut mit uns.

Die Häuser der kleinen Ortschaft sind aus ockerfarbenen Natursteinen gemauert, viele sind unverputzt oder tragen einen grünen Pulli aus Efeu oder wildem Wein. In den Ritzen und Fugen der Treppen und Pflaster darf – zum Entsetzen aller deutschen Normgolfrasenbesitzer – alles fröhlich vor sich hin wachsen, was Hitze und Dürre erträgt. Jedes Haus ist ein Unikat, eine liebenswerte Persönlichkeit.

Von Brombeeren und Clematis überwucherte Steinmauern umschließen kleine Gärten. Es gibt kaum Verkehr, wenn man von einem regen Flugverkehr absieht. Schwalben schießen in engen Kurven um Häuser und Dächer und untermalen ihre spektakulären Luft-Stunts mit heiseren Schreien. An unserer Eingangstür befindet sich ein in dieser romantischen Umgebung seltsam deplaziert wirkendes, klobiges Tastenfeld zur Eingabe eines Nummerncodes, den wir zusammen mit dem Zimmerschlüssel erhalten haben. Gnade mir Gott, wenn ich den Zettel mit dieser dusseligen Nummer verlieren sollte, mein Zahlengedächtnis ist fast noch besser als mein Orientierungssinn.

Wir verstauen noch schnell unser Gepäck, es ist gleich 19.00 Uhr und das Abendessen winkt. Die Stätte der Kalorienvernichtung ist ein großes, an den Seiten offenes weißes Zelt mit drei tragenden Metallstangen.

Taizékundige Insider warnen uns vor dem Platz unmittelbar neben den Stangen. Hier siedelt in den Befestigungselementen unter dem Dach schon seit Jahren eine Horde von Spatzen, die jede Mahlzeit mit ihrem lautstarken Tschilpen untermalt. Da sie das Ökosystem von Taizé auch noch mit anderen Produkten bereichert, ist ein gewisser Mindestabstand durchaus sinnvoll, das Stichwort „Alles Gute kommt von Oben“ bedarf hier einer neuen Definition.

Während die Essenscrew noch die klobigen Styroporboxen mit dem nahrhaften Inhalt heranschleppt, bildet sich eine lange Schlange.

In dieser Woche sind wir zunächst ca. 800, gegen Ende der Woche ca. 1.500 Menschen. Ein kleines Häuflein, verglichen mit den 6.000 Jugendlichen zu den Spitzenzeiten im August. Die Gottesdienste werden zusammen gefeiert, ansonsten haben die Jugendlichen ihren eigenen Bereich. Eine Regelung, die sie sicher sehr segensreich finden, schließlich haben sie uns ja das ganze Jahr auf dem Hals.

Immerhin dürfen auch Erwachsene nach Taizé, allerdings limitiert auf eine Woche pro Jahr.

Einer der Verantwortlichen stimmt ein Lied an: Laudate omnes gentes. Binnen weniger Sekunden fällt die ganze Schlange ein, sogar ich. Es ist eines der wenigen Taizé-Lieder, die ich auswendig kenne. Ein wunderschöner Ohrwurm, der sich hartnäckig in den Gehörgängen festkrallt und immer wieder meuchlings durch den Kopf spukt. Nur einer von vielen!

Nach diesem kulinarischen Startschuss lerne ich das traditionelle Taizé-Service kennen. Porzellanliebhaber kommen hier nicht auf ihre Kosten: Braunes Plastiktablett, beige Plastikteller, roter Plastiknapf und ein Löffel. Kein Plastik! Das Fehlen von Messern und Gabeln hängt vermutlich nicht mit dem kriegerischen Charakter der Besucher zusammen, sondern ist ein rein logistisches Problem.

Es gibt Kartoffeleintopf, Brot, eingeschweißte Kekse und Joghurt. Da es nur sechs Tische gibt, die natürlich alle in Lichtgeschwindigkeit besetzt sind, stehe ich mit meinem Tablett zunächst etwas ratlos in der Gegend. Wie lösen die routinierten Taizé-Oldies dieses Problem?

Aha!

Jeder schnappt sich einen „Tisch“-Stuhl und einen „Stuhl“-Stuhl, die Sitzfläche ist zwar leicht nach hinten geneigt, aber mit der gebührenden Vorsicht hat die Schwerkraft ein Einsehen und verschont die Tabletts. Bei voller Besetzung im Hochsommer funktioniert diese Strategie natürlich nicht mehr.

Wasser steht in großen viereckigen Plastikkanistern auf. Als ich den Verschluss aufdrehe, tröpfelt nur ein armseliger Bonsai-Niagara in meine Tasse. Kein Problem, kippen wir den Kanister eben ein wenig. Hilft aber auch nichts! Schließlich dreht eine mitfühlend beobachtende Seele den oberen Schraubverschluss etwas auf. Voilà! Ich hasse Physik! Der erste Schluck weckt Schwimmbaderinnerungen aus meiner Kindheit, ein dezenter Hauch von Chlor veredelt das kühle Nass.

Um 20.30 Uhr steht der Abendgottesdienst auf dem Programm. Taizé live, und diesmal sind wir endlich auch mit von der Partie. Die riesige Kirche ist ganz aus Beton erbaut. Das klingt zunächst nicht sonderlich anheimelnd und ich betrete das Innere mit gemischten Gefühlen.

Drinnen bleibe ich wie angewurzelt stehen.

Wow! Absolut gigantisch!!

In dem lang gezogenen Bau gibt es keine Bänke. Ein Mittelgang, der auf beiden Seiten von einer getrockneten Buchsbaumhecke begrenzt wird, ist an diesem Abend den ca. 60 Brüdern vorbehalten, die in ihren weißen Kutten einen zentralen, optischen Akzent setzen. Ganz vorne sitzen die älteren Brüder auf Stühlen, der Rest im Anschluss daran auf hölzernen Mediationshockern. Auf beiden Seiten liegen Mikrofone am Boden, die sich jeder Bruder bei Bedarf schnappen kann, wenn ein Beitrag in „seiner“ Sprache an der Reihe ist. Wir sitzen links und rechts vom Mittelgang auf einem beigen, etwas kratzigen Teppich, rechts befinden sich zusätzlich Stufenreihen. Knapp unter der Decke verläuft ein durchgehender, schmaler Fensterstreifen mit einem abstrakten Glasmosaik, das im Licht der tief stehenden Abendsonne in einem warmen Leuchten erstrahlt. An einer Längsseite der Kirche befinden sich in regelmäßigen Abständen kleine, quadratische Fenster mit biblischen Glasmotiven, bei denen jeweils eine andere Grundfarbe vorherrscht.

An der Stirnseite der Kirche dominieren acht meterhohe, lang gezogene, sich nach oben verjüngende, dreieckige „Segel“, die mit dünnen Seilen an der Decke befestigt sind. Ihre intensiven, warmen Orangetöne werden durch Lichtstrahler im unteren Bereich noch verstärkt. Stilisierte Sonnenstrahlen, Lanzenspitzen aus Licht oder Flammenzungen?

Vermutlich wecken sie bei jedem Beobachter andere Assoziationen. Davor brennen Dutzende von Kerzen in scheinbar wahllos aufeinander gestapelten, teilweise auch gegeneinander verdrehten Rahmen aus gebranntem Ton. Die Balken des schmiedeeisernen Kreuzes im Hintergrund laufen in kleine Herzen aus, eine Symbolik die mich sehr anspricht.

Die Decke der Kirche gleicht gigantischen Bienenwaben aus nahtlos aneinander gefügten, riesigen Dreiecken.

Trotz ihrer Größe vermittelt diese Kirche eine freundlich anheimelnde, warme Stimmung. Ich fühle mich wohl und geborgen, ein unerwartetes, verblüffendes Gefühl, da ich „normale“ Kirchen meistens als kalt und abweisend erlebe. Irgendwie scheint der „Hausherr“ nie da zu sein.

Nachdem jeder seine Gliedmaßen artgerecht verstaut hat, kündigen elektrische Anzeigetafeln die Nummern des ersten Liedes an, die Liederbücher liegen in kühn geschwungenen Stapeln am Eingang aus. Die legendären Taizé-Gesänge! Einige kenne ich bereits und habe sie in kleinen Gruppen auch schon selbst gesungen, aber hier erlebe ich sie um ein Vielfaches intensiver. Es sind weiche, zärtliche, dichte und trotzdem einfache Gesänge, die auch einem dissonanten Brummler wie mir die Chance geben daran Teil zu nehmen. Oft bestehen sie nur aus einer einzigen Zeile, die wie das Rollen einer Woge viele, viele Male wiederholt wird, ein meditativer Sog, dem man sich kaum entziehen kann und der eine tiefe, innere Ruhe schafft.

Nachdem Noten für mich ähnlich aussagekräftig sind wie eine chinesische Speisekarte, hält sich der Nutzen der Liederbücher in engen Grenzen. Ich muss konzentriert die Lauscher aufstellen und mich langsam an die Melodie heranpirschen wie Old Shatterhand an den Grizzlybär. Nach einigen rein geistigen Probedurchgängen kann ich dann die ersten vorsichtigen, akustischen Eroberungsversuche starten. Hier bekomme ich diese Zeit! Bis vor einigen Jahren hatte ich zum Singen ein ebenso inniges Verhältnis wie Graf Dracula zum Knoblauch. Und jetzt ertappe ich mich allen Ernstes dabei, wie ich über das Gelände schlendere und vor mich hin singe. Meine Mutter würde vermutlich sofort der Schlag treffen!

Dieses gemeinsame Singen löst sehr starke, positive Gefühle in mir aus. Ich fühle mich geborgen, eingebettet in der Gemeinschaft und eingehüllt von einer schützenden Muschel aus weichen, wohlwollenden Klängen. Ich bin konzentriert, intensiv im Hier und Jetzt, es geht mir porentief gut. Etliche Lieder stellen zwar die sängerische Eiger Nordwand für mich dar, aber sobald sich die Tonhöhen wieder innerhalb zivilisierter Höhen bewegen, mische ich furchtlos mit. Vielleicht nicht ganz astrein, aber auf alle Fälle hingebungsvoll. Zwischendurch unternehmen einzelne Solistinnen kühne Vorstöße in die schwindelnden Höhen des sängerischen Olymps, vor lauter Begeisterung vergesse ich manchmal sogar das Mitsingen.

Nach einigen Liedern kommt eine plötzliche Unruhe auf, die ich zunächst nicht zuordnen kann. Erst als mir mein Vordermann plötzlich ins Antlitz schaut, dämmert´s. Eine 180° Wendung. Nachdem man eine Weile auf dem harten Boden gesessen hat, ist das gar nicht so einfach, wie es zunächst klingt. Schneidersitze müssen entfaltet, eingeschlafene Beine reanimiert und Mediatonshocker neu positioniert werden. Bei drei mindestens einstündigen Gottesdiensten am Tag hab ich zunächst massive Probleme in der „Po-Ebene“. Ich bin zwar ein pflegeleichter Kurzbeiner, aber eine sinnvolle Faltungstechnik will trotzdem gelernt sein. Mit dem Meditationshocker und regelmäßigen Positionswechseln komme ich schließlich einigermaßen über die Runden.

Der Grund für die unvermittelte Wendung ist die Lesung. Warum sie plötzlich entgegen der Fahrtrichtung stattfinden muss, kann ich nicht ganz nachvollziehen, aber zumindest der gymnastische Effekt ist nicht zu vernachlässigen. Am Ende der Woche beherrsche ich diese Taizé-Pirouette absolut formvollendet. Die Lesung erfolgt auf Englisch und Französisch, auszugsweise aber auch in vielen anderen Sprachen. In Taizé findet jeder seinen Platz. Die ungewohnten Klänge sind anheimelnd und angenehm, es macht Spaß, einfach nur auf die Melodie und den Klang der Worte zu hören.

In jedem Gottesdienst ist auch eine zehnminütige Phase der Stille. Es fällt mir schwer damit umzugehen, nach einigen Minuten werde ich unruhig, meine Gedanken schweifen ab. Während der Gesänge bin ich von allen Seiten gestützt, jetzt auf einmal schlagartig mutterseelenallein und mit mir selbst konfrontiert. Seit einiger Zeit habe ich zwar den Wunsch und die tiefe Sehnsucht spirituell „online“ zu gehen, aber irgendwie fehlt mir noch die entsprechende Software. Das ist manchmal maßlos frustrierend und enttäuschend. Als das verheißungsvolle Rascheln der Liederbücher das Ende der Stille ankündigt, atme ich erleichtert auf. Ich schließe die Augen und genieße das nächste Lied intensiv.

Gegen Ende des Gottesdienstes verlassen als Erstes die Brüder die Kirche, der Rest der Menge löst sich dann ganz langsam auf. Eine „Hallelujah-wir-haben´s-überstanden-nichts-wie-raus“-Hektik fehlt völlig. Viele singen auch noch im Hinausgehen, ein schöner Ausklang für diesen Gottesdienst. Draußen atme ich tief ein. Es geht mir saugut und ich bin glücklich hier zu sein. Ich schlafe gut in dieser Nacht. Die Luft ist mild und außer dem Zikadenchor ist es völlig still.

Gegen fünf Uhr Morgens entbrennt ein lautstarker Sängerwettstreit unter den Vögeln der Umgebung. Faszinierend, wie soviel Lärm in so wenig Vogel stecken kann!

Nach dem Morgenlob mit Eucharistie-Feier stürzen wir uns auf das erste gemeinsame Frühstück. Die meisten Zutaten werden in der staubsaugergerechten Pulverform angeboten. Nestkaffee, Milchpulver, Schokoladenpulver.

Neskaffee ist zwar meiner Meinung nach die schlimmste Form des sozialen Abstiegs für eine ehrbare Kaffee-Bohne und entspricht in etwa der Reinkarnation eines Menschen als Regenwurm, aber schließlich bin ich ja primär nicht wegen des Essens gekommen. Jemand empfiehlt mir eine Mischung aus Neskaffee, Schoko- und Milchpulver. Dankbar für die Anregung mache ich den Versuch. Nachdem ich den ersten Schluck dezent vor das Zelt gespuckt habe, hege ich ernsthafte Zweifel an den Geschmacksnerven meines Ratgebers. Er wird allerdings kurz darauf rehabilitiert, als sich die vermeintliche Schokolade als Zitronenteepulver entpuppt. Das Frühstücksbrötchen grinst mich unverfroren an, als es den Löffel in meiner Hand sieht. Meuchlerische Messer gehören nicht zum Inventar. Mein Taschenmesser schlummert natürlich friedlich auf unserem Zimmer. Die Frucht edler Bäckerzunft wird daher barbarisch in zwei Hälften gerissen, bei Hunger bleibt die Ästhetik auf der Strecke. Taizé ist voll von gebrochenen Brötchenherzen. Butter und Marmelade lassen sich im Zweifelsfall auch mit dem Löffelstiel verstreichen, Not macht erfinderisch.

Im Anschluss an das Frühstück treffen wir uns zu einer ausgiebigen Einführung. Wir sind knapp 200 Erwachsene, den Löwenanteil stellen mit 55 Personen die Deutschen. Der zuständige Bruder hält die Einführung auf Englisch und Französisch mit kurzen Abstechern in das Italienische. Danach übersetzt eine Mitstreiterin aus unseren Reihen ins Deutsche.

In einigen kleineren Gruppen wird gleichzeitig simultan übersetzt, links neben mir sitzt eine Gruppe aus Dänemark, von irgendwo rechts tönt es spanisch. Sogar Südkorea ist vertreten, ein kunterbunter, sprachlicher Schmelztiegel.

Ein wichtiger Programmpunkt ist die Aufteilung in Kleingruppen, mit denen man sich jeden Tag um 15.30 Uhr über das Thema des Tages austauscht. Die relativ kleine, englisch sprechende Fraktion wird kurzerhand nach dem Geburtsmonat aufgeteilt. Bei den Deutschen entstehen die Gruppen-Cocktails nach einem etwas chaotisch verlaufenden Durchzählen von eins bis zehn.

Thema der Woche sind die Seligpreisungen aus der Bergpredigt (Mathäus 5: Selig sind …..). Die Einführung in die Thematik ist originell und lebhaft, keine völlig abgehobenen spirituellen Höhenflüge, bei denen ich sehr schnell frustriert und flügellahm am Boden zurückbleibe, sondern der Versuch, das Thema immer wieder mit unserem ganz normalen Alltag zu verknüpfen. Einige abschließenden Fragen sollen den Einstieg in das Thema erleichtern, danach sind wir in Gnaden entlassen und haben bis zum Nachmittag Zeit uns mit dem Thema auseinander zu setzen. Im Anschluss haben wir noch Gelegenheit für ein erstes kurzes Beschnuppern in der Kleingruppe. Die Namen wandern gleich vorbeugend in mein Notizbuch, um den geistigen Muskelkater bei ihrer krampfhaften Reaktivierung möglichst gering zuhalten.

Außerdem erhalten wir noch eine gemeinschaftliche Aufgabe zum Wohle der Gemeinschaft. Für den Rest der Woche werden wir uns als „lords of the dishes“ nach jedem Mittagessen dem Seelenheil des dreckigen Geschirrs widmen. Als verweichlichter Europäer genieße ich seit Jahren den zutiefst befriedigenden Luxus einer Spülmaschine, aber die elementaren Grundkenntnisse sollten eigentlich noch vorhanden sein.

Das Mittagessen (Reis mit Schinken, Brot, eingeschweißte Kekse und eine Orange) schließt sich an. Für das Abholen der Lebensmittel, Ausgabe, Abräumen und Abspülen ist jeweils eine andere Gruppe zuständig. Als potentielle Spüler stehen uns die Logenplätze in der Schlange zu, aber selbst für die allerletzten Nachzügler hält sich die Wartezeit in erträglichen Grenzen. Trotz der offenen Seiten ist es stickig und heiß in dem Essenszelt und wir flüchten samt den Stühlen in den Schatten der Bäume. Als ich bei dem Balanceakt mit meinem Tablett ein Stück Schinken verliere, wird es sofort von einem der rotzfrechen Spatzen im Sturzflug erbeutet. Bon appetit! Vegetarier haben hier schlechte Karten. Entweder sie entschließen sich zu einem zeitraubenden, kulinarischen Trennungsgang und pulen den Schinken Stück für Stück aus dem Reis, oder sie essen bei den Jugendlichen, wo jeweils ein vegetarisches Gericht angeboten wird.

Ich mache mich ohne Gewissensbisse über meinen Schinken her und finde ihn „tierisch“ gut.

Das herrlich träge Faulenzen nach dem Essen fällt diesmal leider aus, die ersten Körbe mit Geschirr wandern in Richtung Küche. Nun denn, so sei es denn! Sechs riesige Edelstahlkessel warten bereits auf uns. Wir werfen uns in topmodische Plastikeinmalschürzen, schnappen uns die Bürsten und harren der Beläge, die da kommen. Nach kurzen anfänglichen Koordinationsschwierigkeiten läuft der Laden.

Meiner Obhut unterstehen zusammen mit zwei Mitstreitern die beigen Plastikteller. Nach dem hundertsten Exemplar geht die spülerische Annäherung in echte Zuneigung über. Streng wissenschaftliche Experimente über die ballistischen Flugeigenschaften von Tellern und hochgeistige Spülgespräche lockern die Atmosphäre, innerhalb kürzester Zeit ist das reinigende Werk vollbracht.

Bis zum Austausch in der Kleingruppe bleibt noch etwas Zeit die Seele baumeln zu lassen. Wer mit Froschquaken, Vogelzwitschern und dem Plätschern eines kleinen Wasserfalls zur Ruhe kommen will, macht sich auf den Weg nach „Source St. Etienne“ am Fuße des Hügels.

Der Weg führt über 224 (Uff!) Stufen aus wuchtigen, von der Sonne hellgrau gebleichten, rissigen Holzbohlen, die die zum gleichen Ziel verlaufenden, steinigen Serpentinen kreuzen. Der Hang ist mühsam terrassiert und bepflanzt worden. Das Gras ist von der Hitze braun und strohig, trotzdem blüht es an allen Ecken und Enden. Quietschige gelbe Farbtupfer dominieren in der Vegetation: Johanniskraut, Ginster, Pippau und Hornklee. Blaue Akzente setzen Natternkopf und der üppig wuchernde Lavendel, der von Schmetterlingen und Bienen förmlich belagert wird. Baumreihen aus Linden, Eichen, Erlen und Ahorn spenden am äußeren Rand der Terrassen Schatten.

Der untere Hangabschnitt ist dicht bewaldet, der Weg verläuft jetzt angenehmerweise völlig im Schatten. Am Fuße des Hügels liegt eine frisch gemähte, von Ahornbäumen umsäumte große Wiese. Ein großes Schild „Silence“, das an einem der Bäume lehnt, wirkt seltsam deplaziert. Ein kleiner See wird von einem beruhigend gurgelnden Wasserfall gespeist, sein Ablauf mündet über einen mit Natursteinen ausgelegten Graben in einen zweiten, wesentlich größeren See.

Frösche knarzen und keckern in erstaunlicher Lautstärke versonnen vor sich hin, vermutlich „Laudate omnes gentes“ auf amphibisch. Einige Vögel kommentieren den künstlerischen Wert der Darbietung mit empörten Flötentönen, man sieht sie förmlich den Kopf schütteln.

Hier ist ein guter Platz um die Augen zu schließen und zur Ruhe zu kommen, den Gedanken nachzuhängen oder auch nur entspannt vor sich hin zu träumen. Wenn es mir rundherum gut geht, ist es fast immer draußen in freier Wildbahn. Taizé ist eine Ausnahme, diese ganz eigene Stimmung während des Gottesdienstes habe ich bisher wirklich nur hier erlebt. Bis vor einigen Jahren hätte man mich nicht einmal in der Zwangsjacke und unter hoch dosiertem Valium dazu gebracht, täglich über drei Stunden in einer Kirche zu verbringen, geschweige denn es auch noch zu genießen! Aber „things change“ wie die alten Griechen zu sagen pflegten. In meinem Fall war der auslösende Katalysator ein Maristenpater, der rein „zufällig“ meinen Lebensweg kreuzte, mich auf unaufdringliche Weise mit dem Thema Glauben konfrontierte und mein Leben damit völlig auf den Kopf stellte.

Zeit für den Austausch in der Kleingruppe. Wir verziehen uns mit unseren Klappstühlen in den Schatten des Essenszeltes um unsere Gedanken und Gefühle über die erste der Seligpreisungen auszutauschen.

Schnell noch ein Blick in mein Notizbuch, um den gähnenden Abgrund meines Namensgedächtnisses etwas zu erhellen, dann kann es losgehen. Nach einem etwas zögerlichen, tastenden Anfang fängt das Gespräch langsam an zu fließen. Persönlichkeit, Temperament und Einstellung sind zum Teil grundverschieden, aber auch sehr unterschiedliche Sichtweisen können einfach so stehen bleiben. Es gibt keine „richtigen“ und „falschen“ Stellungnahmen und niemand versucht dem Anderen seinen persönlichen Standpunkt aufs Auge zu drücken. „Harry Potter“ ist mir wahrscheinlich um Längen vertrauter als die Bibel, daher bekomme ich eine ganze Fülle von Eindrücken und Anregungen. Sowohl komplexe theologische Hintergrundinformationen, bei denen sich meine Konzentration nach einiger Zeit auf leisen Sohlen von dannen schleicht, als auch herzerfrischend nachvollziehbare, praktische Erfahrungen der Gruppenteilnehmer finden ihren Platz. Hat ja direkt was mit dem Leben zu tun!

Kurz vor dem Essen mache ich noch einen Abstecher ins „La Morada“.

In diesem Gebäude in der Nähe des Glockenturms kann man dringende Nachrichten abholen, Fragen stellen und seine Wertsachen deponieren. Die Brüder raten dringend davon ab, Wertsachen in den Baracken und Zimmern liegen zu lassen. Da das Gelände während der Gottesdienste um 8.30, 12.20 und 20.30 Uhr fast ausgestorben ist, besteht die Gefahr einer Kollekte der ganz besonderen Art. Geben ist zwar seliger als Nehmen, aber Nehmen ist manchmal eben doch deutlich einträglicher.

Wie fast überall in Taizé liegt auch „La Morada“ in jungen Händen. Eine sympathische junge Dänin kümmert sich freundlich um mein Anliegen. Die Wertsachen werden in einer Liste erfasst, das Bargeld vor Ort gezählt.

Dann landet alles in einer Papiertüte. Zukleben – fertig! Die Frau drückt mir die Tüte in die Hand: „ If you would sign this, I will be completely happy now!“ Wir grinsen uns an. Ich unterschreibe zweimal, damit ihr Glücksgefühl etwas länger vorhält. Dann noch eine weitere Unterschrift und ich erhalte meinen Abhol-Bonus. Das wäre also auch geritzt.

Auf dem Rückweg komme ich an einer der gefährlichsten Stellen auf dem ganzen Gelände vorbei: „Exposition“, der Laden, in dem die Brüder ihre Produkte verkaufen. Die Communauté de Taizé will sich ihre Unabhängigkeit bewahren. Daher nehmen die Brüder weder Spenden oder Schenkungen noch Erbschaften an. Die Gemeinschaft finanziert sich ausschließlich über den Verkauf der in Eigenarbeit hergestellten Produkte.

Nachdem der Löwenanteil meines Bargelds jetzt in „La Morada“ in Sicherheit ist, gehe ich das Risiko ein und schlendere durch den Laden. Ade, Selbstbeherrschung! Die Bücher von Frère Roger und Informationsmaterialien über Taizé sind nach Sprachen sortiert. Die Vielzahl der unterschiedlichen Sprachen ist beeindruckend und ich murmle phantasievolle, aber mit Sicherheit haarsträubend falsche Aussprachemöglichkeiten vor mich hin. Mein Koreanisch ist eben auch nicht mehr das, was es noch nie war.

Es gibt Unmengen von Postkarten, von neutralen landschaftlichen Motiven bis hin zu Bildern vom Alltag in Taizé. Ich kapituliere und lasse den tief verwurzelten Hamstertrieben freien Lauf. Die nächste finanzielle Leimrute sind emaillierte Anhänger. Das charakteristische Taizé-Kreuz, chinesische Schriftzeichen, Alpha und Omega, afrikanische Motive, die Auswahl ist groß und schrecklich verlockend.

Wenn ich jetzt nicht sofort dem Verlangen nach diesem kleinen, schwarzen Taizé-Kreuz nachgebe, würde meine Psyche mit Sicherheit ernsten Schaden nehmen. Das kann ich natürlich unmöglich verantworten.

Haben wolln, her damit!

Die Brüder betreiben auch eine eigene Töpferei, ihre Erzeugnisse füllen einen Großteil des Ladens. Die Teekannen, Tassen, Vasen, Schalen, Teller und Öl-Lämpchen sind mit viel Liebe hergestellt und ich kann ihnen nur schwer widerstehen. Ich beiße die Zähne zusammen, schiebe die Hände tief in die Hosentaschen und murmle ein altes, merkantilistisches Mantra: „Eurobleibbeimir!“ Derart gestärkt schaffe ich es bis zu den CDs. Und keinen einzigen Schritt weiter. Oh Gott, ist das gemein! Hundsgemein!! All diese wunderschönen Gesänge heimtückisch zu verkaufen. Die pure Bosheit! Aber wenn ich sie jetzt kaufe, kommen andere erst gar nicht mehr in Versuchung, so betrachtet also ein Akt völlig altruistischer, ultimativer Nächstenliebe. Sehr edel, ich bin wirklich stolz auf mich!

Bei Postern, Ikonen, Videos und Bildern gehöre ich nicht mehr zur potentiellen Risikogruppe, daher betrachte ich sie als entspannenden Abschluss. Uff, geschafft!

Das Abendessen im Anschluss ist wirklich redlich verdient.

Sieht aus wie überdimensionierte Thunfischdosen. Hmm, was steht denn auf dem Etikett? Vor Überraschung lasse ich die Dose fast fallen, sie ist kochend heiß. Linsen! Misstrauisch beäuge ich die Abreißlasche. Sie sieht aus als könnte sie kein Wässerchen trüben. Geradezu penetrant harmlos. Nicht mit mir! Mit diesen verflixten Bio-Handgranaten habe ich bisher ausschließlich schlechte Erfahrungen gemacht. Die Chancen unversehrt davon zu kommen, stehen ähnlich hoch wie beim russischen Roulette mit sechs Kugeln. Mit ausgestreckten Armen und abgewandtem Gesicht betätige ich vorsichtig den Zündmechanismus. Fsssssssst!!!! Der dünne Strahl heißer Linsensoße verfehlt das Knie meiner Nachbarin nur knapp und reißt eine vollkommen unschuldige Ameise von den Beinen. Wahrscheinlich flucht sie lautstark auf Französisch! Die Fraktion der Unbesudelten ist verschwindend klein, die meisten rubbeln emsig an diversen Flecken. Im Schweiße deines Angesichts sollst du deine Linsen verdienen …!

Zwanzig Minuten vor dem Startschuss zum Abendgebet bin ich in der Kirche. Mein Allerwertester hat sich zwar langsam mit dem Dauerbelastungs-Stress in Taizé abgefunden, trotzdem besteht er dickköpfig auf einem Meditationshocker. Und die sind Mangelware! Jetzt noch die Therm-A-Rest-Matte unter die Knie – der Teppich kratzt wie die Seuche – und der Sitzkomfort ist perfekt. Auch ich war ein Jüngling mit lockigem Haar, aber das liegt doch schon etliche Wochen zurück.

Wie jedes Mal wird der Gottesdienst von einer charakteristischen Klangkulisse eingeleitet. Statt Orgelklängen oder ersten schüchternen Gesangsversuchen ertönt das dutzendfach wiederholte, scharfe „Srrattss“ von Klettverschlüssen. Dieser Sound leitet die traditionellen Meditationshocker-Erstbesteigungen zahlloser Sandalenträger ein.

Ich ertappe mich dabei, wie ich bei jedem Gottesdienst ein Stück weiter nach vorne rutsche. Das ist eher ein untypisches Verhalten für mich, da ich normalerweise der stockkonservativen „Einmal-hier-gehockt-immer-hier-gehockt“-Fraktion angehöre. Symbolisch für meine schrittweise Annäherung an das Spirituelle? Weiß der Geier, auf alle Fälle fühle ich mich zunehmend besser, je näher ich den Kerzen und dem Kreuz im Vordergrund rücke.

Der schwere, intensive, aber durchaus angenehme Duft von Weihrauch umschmeichelt meine Nase und ich atme unwillkürlich tiefer ein.

Warum sind diese Gottesdienste hier so völlig anders?

Warum berühren sie mich derart stark?

Weil sich die Aufmerksamkeit nicht auf einen einzigen Geistlichen konzentriert, der mir – ketzerisch gesprochen – tierisch auf die Nerven gehen kann, wenn er absolut nicht auf meiner Wellenlänge liegt?

Weil eine lange Predigt oder überhaupt Phasen, in denen viel geredet wird, komplett fehlen?

Sind es die Lieder?

Mein Inneres lässt einen begeisterten Schrei der Zustimmung los: „Auch schon gerafft, du Schnellspanner!“

Nun mal langsam, ja!

Diese Lieder sind eine meditative Form des Gebets das mich nicht überfordert, Anbetung ganz tief aus dem Bauch heraus. Bei einem „normalen“ Gebet gerate ich in regelrechten „Prüfungsstress“. Ich soll eine Leistung erbringen, von der ich nicht den leisesten Schimmer habe, wie sie eigentlich aussehen soll. Erschwerend kommt hinzu, dass der „Prüfer“ bisher nicht anwesend war oder ich ihn zumindest noch nicht wahrgenommen habe. Rückfragen fallen damit auch flach. Ich habe den Eindruck ins Leere zu reden und werfe schon nach kürzester Zeit frustriert das Handtuch.

Das ständige Wiederholen der einfachen, aber unglaublich schönen Melodien und Worte hat dagegen einen faszinierenden Zauber. Ich lasse los, werde ruhig. Ich habe den Eindruck, dass sich bei dem gemeinsamen Gesang eine ungeheure Energie aufbaut, ein starkes Gemeinschaftsgefühl und eine tiefe Verbundenheit mit den Anderen. Ich erhalte eine gewisse Führung, eine Art geistiger Spurrillen, denen ich zusammen mit den Anderen folge. Bei jedem Gottesdienst bin ich aufs Neue fasziniert und begeistert, dieses Gefühl ist einfach sensationell. Wenn diese Entwicklung so weitergeht werde ich noch zum Regensburger Domspatzen. Na ja, vielleicht auch nur ein Dom-Huhn!

Bis vor einigen Jahren habe ich ähnlich viel gesungen wie eine Weinbergschnecke mit Mandelentzündung, aber hier in Taizé starte ich regelrecht durch und schmettere wie 1/3 Pavarotti. Der entsprechende Resonanzkörper fehlt allerdings noch. So unmusikalisch wie ich gedacht habe scheine ich doch nicht zu sein! Die Zeit vergeht wie im Fluge, auch die Minuten der Stille fallen mir schon viel leichter als beim ersten Mal. Es macht mir Spaß bis zum allerletzten Lied zu bleiben, auch viele andere lösen sich nur ungern aus der sängerischen Schmusedecke.

Die Tage verlaufen rasch in einer beruhigenden Routine:

8.30 Uhr:
Morgengebet, anschließend Frühstück

10.15 Uhr:
Einführung in das Thema des Tages

12.20 Uhr:
Mittagsgebet, anschließend Mittagsessen und der Kampf mit dem Abwasch

15.30 Uhr:
Austausch in der Kleingruppe

17.15 Uhr:
„Tee“ bei den Jugendlichen

19.00 Uhr:
Abendessen

20.30 Uhr:
Abendgebet

Es herrscht eine offene, unkomplizierte Zeltlageratmosphäre. Manche kommen schon seit über 20 Jahren nach Taizé, andere geben wie ich ihr Debüt. Schon jetzt verspüre ich den tiefen Wunsch wiederzukommen. Gegen den hoch virulenten Taizé-Bazillus gibt es wohl noch kein Gegenmittel. Hier lässt man sich wirklich gern infizieren. Es macht Spaß mit den unterschiedlichsten Nationalitäten ins Gespräch zu kommen, mein eingerostetes Englisch erstrahlt schon bald in neuem Glanz. Für viele ist die Woche in Taizé ein absolutes High-Light im Jahresverlauf, ein Platz um zur Ruhe zu kommen und die internen Akkus bis zum Maximum aufzuladen.

Im Anschluss an jedes Abendgebet stehen einige der Brüder für ein persönliches Gespräch zur Verfügung. Nach drei Tagen vereinbare ich schließlich todesmutig einen Termin für den nächsten Vormittag. Ich stürze mich gezielt auf den Bruder, der auch die täglichen Einführungen hält, seine begeisterte, humorvolle Art liegt auf meiner Wellenlänge. Trotzdem hat mich das Lampenfieber am Wickel, meine bisherigen Erfahrungen mit Geistlichen kann ich an beiden Ohren abzählen und ich fühle mich befangen. Glaube ist für mich eine völlig neue Erfahrung und mit tausend Fragezeichen behaftet. Das Gespräch mit einem „Insider“ verläuft gut, wenn auch völlig anders als erwartet. Insgeheim habe ich wohl doch gehofft den heiligen Geist in mundgerechten, kandierten Häppchen serviert zu bekommen, inklusive bebilderter Gebrauchsanweisung und schriftlicher Erfolgsgarantie. Frei nach dem Motto: „Unser Glaubensturbo bringt Sie stressfrei ans Ziel. Garantierte Geldrückgabe bei Nichterleuchtung!“ War wohl nix! Erleuchtung also nach wie vor nur in homöopathischen Dosen. Vielleicht ja doch besser verträglich und nebenwirkungsfreier. Obwohl ich es selbst noch nicht ganz verstehe bin ich seit einiger Zeit auf der Suche. Ich weiß nicht, ob dieser Weg weiterführen wird und wo er endet. Das Damoklesschwert einer Sackgasse beunruhigt mich momentan noch etwas. Ich werde wohl abwarten müssen, eine kunterbunte Mischung von Skepsis, Zweifel, Neugier und Hoffnung machen sich in mir breit. Taizé ist auf alle Fälle ein wichtiger „Schrittmacher“ auf diesem Weg.

Jeden Morgen um kurz nach Sechs schlendere ich gemütlich von unserem Zimmer in Ameugny Richtung Taizé. Es ist friedlich und ruhig. Bis auf einige unermüdliche, bewundernswerte Jogger, die wohl der Erleuchtung hinterher rennen, ist niemand in der angenehm kühlen Morgenluft unterwegs. Einige Bodennebel klammern sich noch dickköpfig an den Niederungen fest, werden aber von den Sonnenstrahlen umbarmherzig aufgesaugt wie eine Spaghetti von einem Pasta-Freak.

Eine kleine getigerte Katze auf einer der Mauern begrüßt mich zutraulich. Sie hat eine Figur wie Claudia Schiffer nach vier Wochen Nulldiät und lässt sich gönnerhaft den Hals kraulen. Als Gegenleistung schnurrt der kleine Mäuseschreck mir ausführlich die Geschichte seiner Vorfahren ins Ohr, angefangen mit dem legendären Ahnen, der angeblich Modell für die ägyptische Sphinx stand.

Wenigstens für den unteren Teil!

Als ich mich nach einiger Zeit nicht als der erhoffte Whiskas-Weihnachtsmann entpuppe, zieht der Minitiger wieder beneidenswert geschmeidig von hinnen, Grund genug für alle Eidechsen in der näheren Umgebung, ihre Lebensversicherungen baldmöglichst aufzustocken.

Ich mache es mir im Essenszelt gemütlich. Nicht um mir rechtzeitig einen Platz für das kommende Frühstück zu sichern – so gefräßig bin ich dann doch nicht – sondern weil es hier eine echte Rarität auf dem Gelände gibt: Tische!

Ich polstere mein in dieser Woche schwer strapaziertes Hinterteil mit meiner Therm-A-Rest-Matte und beginne mir meine Eindrücke von der Seele zu schreiben. Diese ungestörten zwei Stunden jeden Morgen genieße ich sehr, im Prozess des Schreibens sehe ich viele Dinge klarer.

Langsam erwacht das Leben auf dem Gelände, die ersten verknautschten Gestalten robben aus ihren Zelten, gähnen herzzerreißend und wanken schlaftrunken Richtung Gemeinschaftsduschen.

Morgenstund` hat Gold im Mund. Oder so…!

Einige der Besucher sind mit dem eigenen Zelt gekommen, anderen mit Wohnwagen oder Wohnmobil, die meisten wohnen aber in den Gemeinschaftsbaracken in Sechs-Mann-(bzw. Frau)-Zimmern mit Stockbetten.

Für die Jugendlichen stehen, vor allem in der Hochsaison in den Sommerferien, große Gemeinschaftszelte zur Verfügung.

Viele Gruppen sind aber auch mit ihren handlichen Kuppelzelten angereist, die überall wie kleine Pilzkolonien aus dem Boden sprießen.

Am Freitag schließt sich an das normale Abendlob ein „Gebet vor dem Kreuz“ an. Die Brüder legen ein großes, bemaltes Kreuz mit brennenden Kerzen auf den Boden des Mittelganges, vor dem sich sofort eine lange Schlange bildet. Die Menschen knien nieder und legen ihre Stirn auf dem Kreuz ab, eine anrührende Geste, die nicht Unterwürfigkeit, sondern ein tiefes Vertrauen ausstrahlt. Viele verharren lange Zeit völlig bewegungslos, bei manchen brechen starke Emotionen an die Oberfläche, Tränen fließen. Die gesamte Konzentration der Gottesdienstteilnehmer verdichtet sich auf das zentrale Kreuz. Wenn es ein Messgerät für spirituelle Energie gäbe, würde es vermutlich nach einem panikerfüllten elektronischen Schluckauf durchschmoren. Das langsame Näherrücken baut eine starke Spannung, vielleicht auch eine diffuse Erwartung bei den Menschen in der Schlange auf. Als meine Stirn endlich das Holz berührt, ereignet sich nichts Spektakuläres. Aber ich spüre intensiv die Nähe und Wärme der Menschen links und rechts von mir und ich fühle mich wohl.

Wir beschließen den Abend am Kiosk „Oyak“. Die Preise sind echt unglaublich. Das sind Preise zwar fast immer, aber diesmal sind sie ausnahmsweise unglaublich niedrig, alles wird zum Selbstkostenpreis verkauft. Nur in diesem Bereich kann Alkohol gekauft und getrunken werden, wer alkoholische Getränke mitbringt, wird gebeten, sie für die Zeit des Aufenthaltes im Haus „Morada“ abzugeben. Einer der Brüder hat uns mit einem verschmitzten Lächeln versichert, dass sich der Flüssigkeitsspiegel bis zur Rückgabe nicht ändern wird. Oyak ist auch der Treffpunkt um sich zu unterhalten, zu musizieren und zu singen, in den übrigen Bereichen beginnt im Anschluss an das Abendgebet die Nachtruhe. Aus einer der Baracken dröhnt ein gurgelndes, eruptives Schnarchen mit dramaturgisch geschickt gesetzten Kunstpausen, das einem Brontosaurier zur Ehre gereichen würde. Dieser Verstoß gegen die Nachtruhe wird nicht geahndet, in Gedanken preise ich inbrünstig unser ruhiges Zimmer in Ameugny.

Am Samstagnachmittag findet als Ausklang der Woche eine Aufführung von Jugendlichen aus verschiedenen Kulturkreisen statt: Die Philippinen, Thailand, Puerto Rico, Indien und der Senegal. Die Tänze und Lieder werden mit sehr viel Begeisterung vorgetragen und lösen ein entsprechendes Echo bei den Zuschauern aus. Es ist unglaublich heiß und der Schweiß fließt in Strömen. Am stärksten betroffen sind überraschenderweise nicht die Tänzer sondern der Dolmetscher für die deutschsprachigen Zuschauer. Der Arme taumelt wie ein angeschlagener Boxer von einem exotischen Zungenbrecher zum nächsten und kommt – sehr zur Freude der Zuhörer – überhaupt nicht mehr auf die linguistischen Beine.

Während des Abendgottesdienstes findet am Samstag die Feier des Osterlichts statt, jeder Besucher nimmt sich am Eingang außer dem Liederbuch auch noch eine kleine, weiße Kerze. Ich stehe natürlich wieder mal prompt auf der Leitung bzw. auf dem Docht, das Vorhandensein der rustikalen Mini-Flammenwerfer fällt mir erst dann auf, als die Kirche schon fast voll ist. Ein kurzer Spurt nach draußen, dann steht auch meiner Erleuchtung nichts mehr im Wege. Sie kommt während einer besonders intensiven und gänsehautigen Stimmung. In solchen Momenten habe ich die Augen prinzipiell geschlossen und schnurre innerlich auf vollen Touren. Deshalb kann meine Erleuchtung erst dann stattfinden als mich das junge Mädchen neben mir mehrmals dezent angestupst hat. In verblüffend kurzer Zeit brennen sämtliche Kerzen. Hunderte von Gesichtern werden von dem warmen Schein der Kerzenflammen aus der Dunkelheit geschält, eine zauberhafte, unwirkliche Atmosphäre.

Verblüffenderweise gelingt auch die Kehrtwendung während der Lesung problemlos. Die Kerze flackert zwar kurz und protestierend auf, tropft aber nicht. Sämtliche Pferdeschwänze, Bärte und T-Shirts in meinem näheren Umfeld überleben unversengt, zum Glück auch die getrocknete Buchsbaumhecke neben mir.

Im Anschluss daran spricht Frère Roger zu den Menschen. Obwohl er schon weit über 80 ist, nimmt er im Rollstuhl an jedem Gottesdienst teil und spricht selbst einige Sätze.

Jeden Samstag wird die Kirche in verschiedene Sprachzonen aufgeteilt, in denen seine Worte jeweils über Lautsprecher simultan übersetzt werden. Deutsch, Englisch und Französisch dominieren, kleinere Sprachgruppen erhalten die Übersetzung über Kopfhörer. Es ist unser allerletzter Gottesdienst in Taizé und eine wehmütige Stimmung macht sich in mir breit. Ich bleibe bis zum allerletzten Lied und gehe nur widerwillig nach draußen.

Am Sonntagmorgen brechen wir um sechs Uhr morgens auf, nicht ohne der Kirche einen letzten Besuch abzustatten. Die sonst hell erleuchteten „Segel“ sind dunkel und verschmelzen mit dem Hintergrund, die Kerzen sind erloschen. Zahlreiche orange Strahler im Vordergrund und die mit Holz verkleideten Lampen an den Wänden verbreiten dennoch weiterhin eine anheimelnde Atmosphäre, trotz des Abschieds fühle ich mich wohl.

Wenige Minuten später verschwindet Taizé hinter uns und unser treuer Ford Fiasko trägt uns unerbittlich Richtung Heimat und Alltag.

Taizé hat eine ganz spezielle Magie, einen Zauber, dem nur schwer zu widerstehen ist.

Ich werde wiederkommen!


© Werner David, Erding 2003

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