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Sandige Spinnereien

wegwespen.doc [18 KB] (zum Daun-Loden anklicken!)

12:00 Uhr mittags. Die Julisonne knallt erbarmungslos vom Himmel und jedes vernunftbegabte Wesen hat sich längst in den schützenden Schatten geflüchtet. Das gilt natürlich nicht für mich, Vernunft in all ihren Varianten hat noch nie zu meinen Stärken gezählt!

Deshalb sitze ich in der prallen Mittagssonne auf meinem Klappstuhl unmittelbar vor der Hausmauer und starre schwitzend aber zutiefst fasziniert auf den Boden unmittelbar vor meinen Füßen. Unser 50 cm breiter "Burggraben" in Form eines Sandbeets bietet wieder einmal ein fesselndes biologisches Drama.

Auf den kahlen Sandflächen zwischen den Pflanzen wuselt eine Wegwespe emsig hin und her. Diese langbeinige Wespenfamilie kann man gut am "nervösen" Umherlaufen mit vibrierenden Flügeln erkennen, das immer wieder von hüpfend-springenden Kurzflügen unterbrochen wird. Wegwespen sind in der Regel schwarz gefärbt oder haben eine rotbraune Zeichnung am Hinterleib, von den 4000 Arten kommen ungefähr 100 in Deutschland vor, die natürlich alle kein Schwein voneinander unterscheiden kann. (Spezialisierte Entomologen-Freaks mal ausgenommen).

Das hektische Insekt ist ganz offensichtlich auf der Suche nach irgendetwas. Mit heftigen Scharrbewegungen der Vorderbeine schleudert es kleine Sandfontänen nach hinten, läuft wieder einige Zentimeter und buddelt erneut. Nach zahllosen Anläufen scheint es plötzlich fündig geworden zu sein und und das Scharren konzentriert sich nur noch auf eine einzige Stelle. Schon nach einigen Minuten ist die Wespe bis zur Hälfte im Sand verschwunden. Größere Steine werden mit den Kieferklauen gepackt und - oft erst nach zahlreichen Fehlversuchen - energisch nach hinten gezerrt. Ein Mensch, der bezogen auf sein Körpergewicht, die gleiche Leistung vollbringen wollte, müsste einen kompletten Güterzug mit den Zähnen wegziehen, ein Experiment, das wohl nur für den Zahnarzt des Betroffenen erfolgversprechend wäre.

Nach einer Viertelstunde ist die Wegwespe komplett in der neu geschaffenen, kleinen Höhle verschwunden. Immer wieder erscheint sie im Rückwärtsgang an der Oberfläche und transportiert herausgescharrtes Material nach hinten, die Sandfontänen spritzen nur so in alle Richtungen. Ich komme schon beim Zuschauen ins Schwitzen!

Dann plötzlich, ohne jede Vorwarnung, fliegt das emsig schaffende Insekt einfach davon.

Äh... und nun? Wo bitte, bleibt denn hier die abschließende Pointe?

Meine Geduld wird auf eine harte Probe gestellt, aber nach einer halben Stunde kehrt die Wespe doch tatsächlich wieder zurück.

Zu Fuß!

Mit kraftvollen Rucken schleift sie eine kapitale Wolfsspinne am Bein hinter sich her. Das erstaunt mich dann doch etwas, Sie würden ja vermutlich auch nicht unbedingt mit einem Vorschlaghammer auf Nitroglycerinkisten eindreschen. Selbst für eine extrem gutmütige Wolfsspinne ist diese Toleranz - gelinde gesagt - ungewöhnlich! Insekten, die eine Spinne am Bein ziehen, müssen sich in der Regel keine Gedanken mehr um ihre Altersvorsorge machen. Aber diese Spinne steht unter Vollnarkose! Durch einen Stich mit dem Giftstachel der Wegwespe wurde ihre Muskulatur komplett lahm gelegt. Die Wespe attackiert so blitzartig, dass die Spinne in der Regel keine Chance hat. Und Spinnen sind weiß Gott nicht langsam! (Eine Spinne, die sich derart dämlich anstellen würde, wie Kranka in der Filmversion des „Herrn der Ringe“, würde in freier Wildbahn nicht einmal eine rheumatische Schnecke erwischen!)

Die Beute sämtlicher Wegwespenarten besteht ausschließlich aus Spinnen der verschiedensten Gattungen, ein Umstand der ihnen tiefe Sympathien der übrigen Insekten einbringt. Wer den Film "Die Wüste lebt" gesehen hat, kann sich vielleicht an den dramatischen Zweikampf zwischen Wegwespe und Vogelspinne erinnern. Diese tropische Art der Gattung Pepsis (die nichts mit Cola zu tun hat), zählt mit einer Körperlänge von 6 cm und einer Flügelspannweite von 11 cm mit Abstand zu den größten Wegwespenarten.

Wegwespen gehören zu den sogenannten solitären Wespen, das heißt sie gründen im Gegensatz zu Honigbienen, Hummeln und vielen Wespenarten keine Staaten.

Die Hauptnahrung der Imagos (das sind ausgewachsene, geschlechtsreife Insekten nach der letzten Häutung) besteht ausschließlich aus süßen Pflanzensäften. Was also soll diese „Spinnerei“?

Die rein vegetarische Ernährung gilt zwar für den Imago, die Larven sind dagegen der Fleischeslust keineswegs abgeneigt! Die Spinne ist der entscheidende Kalorienträger für die „Entwicklungshilfe“ der Larve.

Nachdem die Wegwespe den Spinnen-Burger mühsam und oft erst nach mehreren Anläufen in das Nest geschleppt hat, legt sie ein einzelnes Ei darauf ab. Geschafft! Danach wird der Nesteingang wieder sorgfältig verschlossen, bis er sich durch nichts mehr von der Umgebung unterscheidet. An dieser Stelle endet jede Verantwortung der Nestgründerin für ihren Nachwuchs, der nun künftig ganz auf sich selbst gestellt ist. Für Eltern mit pubertierenden Kindern eine geradezu idyllische Vorstellung!

Sobald die Larve schlüpft, ist das Buffet eröffnet. Die Auswahl lässt zwar etwas zu wünschen übrig, aber der Vorrat reicht für die gesamte Kindheit. Nach einigen Wochen seligen Schmausens verpuppt sich die Larve und verbringt so den Winter. Was soll man auch sonst Sinnvolles in dieser Zeit anfangen? Im nächsten Jahr schlüpft die junge Wegwespe und buddelt sich an die Oberfläche. Der Kreislauf ist geschlossen.

Einige Arten haben es geschafft, diese schweißtreibende Prozedur der Brutvorsorge drastisch abzukürzen, die sogenannten Kuckucks-Wegwespen. Sie haben sich auf den Überfall von Spinnentransporten spezialisiert, eine Art Mafia unter den Wegwespen. Während eines Ablenkungskampfes mit der rechtmäßigen Spinnenbesitzerin schaffen sie es, blitzartig ein Ei in den spaltförmigen Atemöffnungen der Spinne zu platzieren. Das Ei ist seitlich stark komprimiert, wie eine überfahrene Blattlaus, und verschwindet daher völlig unauffällig im Spinnenkörper. Die vermeintlich siegreiche Nestgründerin summt der Fersengeld gebenden Kontrahentin noch einige unflätige Verwünschungen hinterher und macht sich dann wieder an die Arbeit, ohne zu ahnen, dass aus ihrer Spinne ein trojanisches Pferd geworden ist. Beide Larven schlüpfen, aber die Larve der Kuckuckswegwespe tritt bis zum Anschlag ins Gaspedal, entwickelt sich deutlich schneller und macht sich als erstes über ihre Nebenbuhlerin her. Danach heißt es: Bon appetit!

Wegwespen lieben trockene, geschützte Sandflächen, bei ihnen ist Sandspielen eine Frage nackten Überlebens. Auch im kleinsten Garten lässt sich mit etwas gutem Willen ein Minibiotöpchen für diese faszinierenden Spinnenjäger anlegen.

Nachdem die Wespe sich für heute endgültig aus dem Staub gemacht hat, reibe ich mir den bedenklich geröteten Scheitel. Meine Digitalkamera liegt immer noch unbenutzt neben mir, vor lauter Begeisterung habe ich wieder einmal völlig vergessen zu fotografieren. Aber morgen wird die Spinnenjagd mit Sicherheit erneut freigegeben.

Halali!



Copyright ©
Werner David
Erding, 2004
Website mit Naturgartenabteilung: www.bauches-lust.de (Guckst du – lachst du!)
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