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Das Sandmännchen

dassandmaennchen.doc [18 KB] (zum Daun-Loden anklicken!)

Allmächtiger!

Voll Entsetzen blicke ich auf den riesigen Sandhaufen der unsere Einfahrt blockiert und jedem Sandfloh schrille Schrei der Ekstase entlocken würde.

Meine Ekstase hält sich momentan in Grenzen. Sollte ich mich in der Kommastelle geirrt haben? Neun Tonnen können doch unmöglich diesen sandigen Mount Everest ergeben. Leider handelt es sich um keine Wanderdüne, also muß ich das Ganze wohl oder übel selbst in Bewegung bringen.

Die ganze Aktion dient einem Trockenbiotop für die Stickstoffasketen unter den einheimischen Stauden. Das entsprechende Beet wartet in Form eines 40 cm tiefen Burggrabens hinter dem Haus sehnsüchtig auf Füllung durch das Sandmännchen.

Bin schon da!

SSSS lautet die Parole (Sandschubkarren-SisyphusSchinderei). Nach dem zweiten Schubkarren ertönt ein feuchtfröhliches „Pling“ auf meiner Stirn, dem weitere, nicht minder heitere „Plings“ folgen.

Es schifft. Na toll!

Schubkarren mit nassem Sand durch den strömenden Regen zu schieben, stellt eine enorme Bereicherung des gärtnerischen Alltags dar und führt einem eindringlich die Vergänglichkeit der Armmuskeln vor Augen. Nach einigen Stunden kann ich in puncto Armlänge mit jedem Orang Utang konkurrieren.

Noch ein Schubkarren!

Ich mobilisiere meine letzten Reserven und schaukle wie ein volltrunkener Waschbär um die Hausecke. Die verflixte Karre kippt. Rambo hätte die Situation mit zwei Fingern und einem verwegenen Lächeln der männlich-markigen Kiefer bereinigt, aber bin ich Rambo? Ich lasse der Schwerkraft ihren Lauf, mit Naturgesetzen streite ich nicht. Der Sand begräbt unser einziges Gemüse, einen völlig unschuldigen Schnittlauch unter sich. Sorry! Nach einem kurzen Exkurs in die Archäologie erblickt er, leicht zerzaust, erneut das Licht der Welt.

Eine letzte Schaufel und das Werk ist vollendet. Herkules wäre stolz auf mich! Eine jungfräuliche, sanft geschwungene Sanddüne zieht sich nun über die gesamte Front unseres Hauses.

Der Nachbarskater beäugt die Veränderung verzückt. 10 Meter Katzenklo de Luxe! Was kann ein Katerpo mehr verlangen? Mit verklärtem Gesichtsausdruck läßt er sich zur Einweihung nieder.

Das geht entschieden zu weit!

Trotz denkbar schlechter ballistischer Eigenschaften trifft der Arbeitshandschuh das Ziel - sozusagen ein Fehdehandschuh.

Treffer, versenkt!

Mit empörtem Fauchen verkrümelt sich der Übeltäter.

Unentleert!

Eine Woche später trifft endlich das heiß ersehnte Paket meiner Staudengärtnerei ein. Der Briefträger hat es wieder mal mitten vor die Türe gestellt. Das ist o.K., nur ein Dieb mit topfiten Bandscheiben wäre in der Lage es von hier zu verschleppen. Zum Schutz - manche Arten wachsen ja wirklich explosionsartig - ist es in dieses unsagbar häßlich-braune Paketband gewickelt. Jede Mumie würde aus Protest wieder auferstehen (vorausgesetzt sie hätte einen Cutter in der Westentasche).

Nach einem chirurgischen Längsschnitt stoße ich zunächst auf einen knallroten Umschlag.

Eine Rechnung.

Wie überaus unsubtil! Fast schon plump! Immerhin, der neue Katalog liegt auch dabei, schon bin ich wieder versöhnt. Nach kurzem Querschmökern sehe ich drohende Verarmung und soziale Verwahrlosung auf mich zukommen. Ich werde von Nüssen und Beeren leben müssen und an den Wurzeln der wilden Möhre knabbern. Irgendwann wird man meine bemitleidenswerte Leiche entdecken, die abgemagerte Hand fest um ein Bestellformular gekrallt. Meine letzte Bestellung wird die Einzelgrabbepflanzung sein (für den sonnigen Bereich, ich friere so ungern) und der Giersch in meinem Garten wird aus Pietätsgründen eine Saison lang das Wachstum einstellen.

Sniff....!

Ich bin gerührt!

Ergriffen wühle ich vorsichtig im Stroh. Da! Das erste Grün spitzt durch.
Nach und nach erscheinen einige Vertreter der Gattung Salvia. Zerknautscht wie der Trenchcoat von Columbo, aber ansonsten wohlauf.

Willkommen daheim!

Die sensiblen Arten sind zusätzlich in Zeitungspapier gewickelt, vermutlich Lesestoff für die lange Reise. Gelangweilte Stauden neigen zum Chlorophyll-Abbau, dem muß vorgebeugt werden, sehr vorausschauend. Die Bildzeitung sollte man allerdings nur bei ausgewählten Arten verwenden (z.B. bei Blutweiderich, Blutwurz oder Bluthirse).

Ein großer Topf taucht auf. Auf den ersten Blick vermisse ich das Grün, erst im zweiten Anlauf entdecke ich den Winzling. Aristolochia clematitis, die Osterluzei, mit stolzen DM 12,20 der Aristokrat dieser Bestellung. Du hast also meine Rechnung so unverschämt in die Höhe getrieben! Bei diesem Preis solltest du jetzt schleunigst zu wachsen anfangen, mein Freund! Sonst heißt es Endstation Gemüsesuppe! Knurrend stelle ich den Stein des Anstoßes beiseite.

Der Strohberg wächst.

Mit ca. 60 Blumentöpfen im Schlepptau schreite ich zur Dünen-Erstbesteigung.

Ostwand-Freeclimbing.

Das Einbuddeln der Pflanzen ist der krönende Abschluß jeder größeren Gartenaktion und zutiefst befriedigend.

Nach kurzer meditativer Versenkung rezitiere ich das klassische Mantra der Gärtner:

„GIIIIINOOOO“

„GINO“ entspricht dem „OM“ der Buddhisten und hat außer dem meditativen auch einen praktischen Nebeneffekt bei jeder Pflanzaktion (Grün Immer Nach Oben).

Diesmal hätte ich sogar Spezialwerkzeuge zur Verfügung, mein alberner Bruder hat mir ein komplettes Set einschließlich Sieb, Gießkännchen mit Blümchentülle und Sandförmchen zum Geburtstag geschenkt.

Kindischer Wicht! Schlägt völlig aus der Art.

Nach und nach kommt Leben in die Düne. Zerzaust, blütenlos und ein bißchen murkelig, aber ab jetzt geht es steil bergauf. Schon in einigen Wochen können die Wildbienen ihre Messer wetzen, wenn erstmals Mac Pollen und Nektar-Shake auf der Speisekarte stehen.

Pflanze Nummer 53 verweigert den Gehorsam.

Unerhört!

Die Teufelskralle macht ihrem Namen alle Ehre und krallt sich verzweifelt an den Blumentopf.

„Nun komm schon zu Papa! Schau doch, wie nett deine Kollegen hier draußen aussehen.“

Nichts zu machen, die Furcht vor dem Unbekannten überwiegt. Eine Teufelskralle mit Novo-Phobie, das ist doch echt nicht zu fassen.

„Wenn du jetzt nicht augenblicklich aus diesem verdammten Topf kommst, werfe ich dich in eine Nacktschnecken-Fastenklinik. In den Trakt mit den chronisch Rückfälligen!“

Ich untermale die Drohung mit einigen energischen Handballenstößen auf den Topfboden.

Das wirkt!

Es geht doch nichts über die feinfühlige Anwendung bewährter pädagogischer Konzepte. Vielleicht sollte ich mich doch noch als Pädagoge bei einer Baumschule bewerben.

Endlich hat auch das letzte Pflänzchen, ein zierlicher Sandthymian, seine neue Heimat gefunden.

Wie schon so häufig, haben auch die heute eingepflanzten Arten die irritierende Eigenheit, nicht zu wachsen solange jemand zuschaut.

Gemein.

Aber schließlich bin ich ein geduldiger und verständnisvoller Naturliebhaber.

Ich werde jetzt also brav in mein Arbeitszimmer gehen, der Natur ihren Lauf lassen - und die Videoüberwachung aktivieren!

Copyright ©
Werner David
Erding, 2003
E-Mail: wernerimweb@web.de
Website: www.bauches-lust.de (Guckst du – lachst du!)
Oohl reits risöörfd

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