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Frühjahrsfreuden einer Nistkasten-Tour.


Grimmig dresche ich mit aller Kraft auf den Aluminiumnagel ein: Diese – PÄNG – verflixten – PÄNG – Höhlenbrüter – PÄNG – soll doch der – PÄNG – Kuckuck holen!

Uff, geschafft! Ein echt "behämmerter" Job.

Eschenholz ist saumäßig hart, aber der Nistkasten hängt bombenfest am Baum und wird jetzt mindestens drei Hurrikans und ein Erdbeben überstehen. Nachdem meine Frau und ich vor einigen Jahren – in völlig blauäugiger Unkenntnis der damit verbundenen Arbeit – ein Vogelrevier mit ca.50 Nistkästen übernommen haben, ist seitdem jedes Frühjahr Kastengroßputz angesagt.

Höhlenbrüter wie Meisen und Kleiber brüten – wie der Name schon so sinnig andeutet – in Höhlen, in aller Regel Baum- oder alte Spechthöhlen. Nachdem in unseren ordnungswütigen Forsten ein Baum nicht einmal in Ruhe sterben, geschweige denn anschließend stehen bleiben und als Spechthöhlensubstrat dienen kann, haben Höhlenbrüter echt schlechte Karten und stürzen sich mit Begeisterung auf künstliche Nisthilfen. Leere, wohlgemerkt! Nur selten ist einer unserer Kästen nicht belegt, der schweißtreibende Einsatz lohnt sich also.

Es ist Anfang März, und endlich, endlich, scheint der Winter für dieses Jahr endgültig die Nase voll zu haben und schmeißt das Handtuch. Ich schlage innerlich drei erleichterte Kreuze, Kälte ist für mich mit der schrecklichste aller Schrecken! In meinem nächsten Leben werde ich sicher als Schwefelbakterium in einer kochenden Vulkanquelle reinkarnieren.

Durch die immer noch reichlich vorhandenen Schneeflecken schieben sich tollkühne Schneeglöckchen und Krokusse und klappern mit den nicht vorhandenen Zähnen.

Frühjahrsblüher sind in der Lage Stoffwechselvorgänge anzuwerfen, die als Nebenprodukt Wärme erzeugen, d.h. die Pflanzen schmelzen sich buchstäblich ihren Weg nach oben. Wer reich gefüllte unterirdische Speicherorgane in Form von Zwiebeln oder Rhizomen besitzt, kann sich eine solche Energieverschwendung erlauben. Diese unziemliche Hast hat ihren Grund! Frühjahrsblüher wachsen häufig im lichten Unterholz von Mischwäldern, wo sich mit dem Laubaustrieb die Lichtverhältnisse am Boden drastisch verschlechtern, daher drängt die Zeit, sonst wird´s zappenduster.

Gerührt stiefeln wir an den zierlichen Frühjahrsboten vorbei und saugen die milde Luft in vollen Zügen ein. Nicht zu tief allerdings, dankenswerter Weise hat der Bauer die Wiese frisch gemistet. Wer hier stolpert schaut vermutlich aus wie Archibald die Dungfliege nach der Eiablage. Vorsichtig versuchen wir uns und unser Material unversehrt aus der Gefahrenzone zu manövrieren. Uns beide, eine lange Aluleiter, Säge, Hammer, Zange, Spachtel, Kasten-Checkliste und vier neue Nistkästen. Nicht zu vergessen den Fotoapparat! Ehrenamtliche Rollen im Naturschutz sind oft „tragend“!

Beim ersten Nistkasten erkennen wir schon von unten, wer hier in der letzten Saison residiert hat. Ein Kleiber! Diese kurzschwänzige Spechtmeise mit dem schwarzen Augenstreif ist der einzige Vogel bei uns, der auch kopfunter an Bäumen klettern kann.

Im Gegensatz zu anderen Höhlenbrütern schert er sich auch nicht um die Größe des Fluglochs, sondern passt es seinen Bedürfnissen an. Mit einem Gemisch aus Lehm und Speichel verschließt er die Öffnung bis auf ein passendes Loch (daher auch der Name „Kle(i)ber“). Selbst ist der Vogel! Auch die Spalten zwischen Nistkastenfront und Seitenwänden bzw. Deckel werden häufig so verspachtelt.

Vorsichtig versuche ich die Türe aufzuhebeln. Pustekuchen! Klemmt!! Herzlichen Dank, du Freund ornithologischer Maurerfreuden, du erleichterst mir die Arbeit wirklich ungemein! Nachdem ich alle Fugen mit der Spachtel freigekratzt habe, klappt es.

Kleiber werden wohl nie den Nestbau-Orden bekommen, ihr „Nest“ besteht aus einer losen Lage von Blättern und Kiefernborkenschuppen.

Kann ich mir zwar nicht sehr bequem vorstellen, aber gut, ich habe ja auch keinen Kleiberhintern! Ich kratze den Borkenteppich nach außen und entdecke wieder mal eine verblüffende physikalische Gesetzmäßigkeit: Egal ob ich links, rechts oder unter dem Kasten stehe, der Wind bläst mir prinzipiell immer direkt ins Gesicht und hüllt mich in eine Wolke aus Borkenschuppen, Staub und Vogelmist. Nun ja, Bestäubung passt ja ganz gut zum Frühjahr.

Warum können diese Viecher ihre Nester eigentlich nicht ganz normal im Freien bauen? Jede stinknormale Amsel schafft es doch auch! Grummel!

Wir schnallen die Aluleiter auf den Dachgepäckträger und rollen im Zeitlupentempo weiter den Feldweg entlang, einer gelungenen Mischung aus tiefem Morast und Eisplatten.

Ein Ford Fiesta mag ja viele positive Eigenschaften haben, aber für Survival-Trips im Gelände ist er nicht unbedingt das Gelbe vom Ei. Sobald unser Schnauferl im Frühjahr den ersten Nistkasten sieht, rollt es verstört in die hinterste Ecke der Garage und weigert sich erstmal beharrlich anzuspringen. Mag daran liegen, dass die Ölwanne im letzten Frühjahr allzu innigen Kontakt mit Mutter Erde geschlossen hatte. Ölé! Also gaaaaaanz langsam jetzt.

Die nächsten paar Kästen enthüllen jeweils das klassische Meisennest, eine Mischung aus Moos und verschiedensten Tierhaaren.

Faszinierend wo die Vögel in freier Wildbahn überall auf Haare stoßen, vielleicht plündern sie ja die Mülleimer von Friseuren oder „rupfen“ Kühe auf der Weide. Meisen sind mit Abstand die häufigsten Untermieter in unseren Nistkästen.

Nest raus, Boden kurz mit der Spachtel sauber kratzen, Deckel zu – fertig! In diesem Moment landet eine Blaumeise einen halben Meter von mir entfernt auf einem Ast und wirft mir einen zutiefst vorwurfsvollen Blick zu: „Mein Gott, ihr kommt ja auch jedes Jahr später, dabei hatte ich schon vor Monaten reserviert …!“

Hey, das glaub ich doch nicht! Machst du mich allen Ernstes an, du abgebrochener Adlerverschnitt?! Ohne uns müsstest du dich beim Sozialamt obdachlos melden, so sieht´s doch aus! Nicht zu fassen! Es gibt keine Dankbarkeit auf der Welt!

Der nächste Kasten heitert mich sofort wieder auf, denn er bietet ein faszinierendes, wenn auch bissiges zoologisches Schmankerl. Auf dem von der Sonne aufgeheizten Holz rund um das Einflugloch sitzen bräunliche, im Sonnenlicht chitinig aufglänzende, abgeflachte Scheibchen. Volle Deckung, Flohalarm! Ceratophyllus gallinae, der hier gerade beim Sonnenbad neue Energie tankt, schmarotzt bei verschiedenen Vogelarten.

Flöhe zwar immer einen Hauptwirt, sind aber dummerweise durchaus auch aufgeschlossen für kulinarische Experimente. Im Laborversuch saugen immerhin 40 Arten der verschiedensten Wirte auch am Menschen. Aus sicherer Entfernung mit maximal ausgestrecktem Arm schnippse ich die gierigen kleinen Blutsauger mit der Spachtel ins Nirwana. Der selbstlose Einsatz für den Naturschutz hat irgendwo auch seine Grenzen.

Am Rande eines kleinen Bachlaufs, mitten in der Prärie, hat ein Wanderimker seine Stände aufgestellt. Am Flugloch tobt bereits der Bär, es herrscht hektisches Kommen und Gehen. Time is honey!

Im Gegensatz zu Hummeln, Wespen und den meisten solitären Bienen überwintert bei der Honigbiene nicht nur die befruchtete Königin, sondern das ganze Volk aus bis zu 80.000 Individuen. Honig ist der Treibstoff, der das Volk über den Winter bringen muß, daher wird er auch in solchen Mengen produziert. Dass sich der Mensch diese süße Pracht dann einfach unter den Nagel reißt, war von der Evolution ja ursprünglich nicht vorgesehen!

Ich nähere mich dem Kasten langsam von der Seite und schiebe meinen Arm mit der Kamera in Zeitlupe vor das Flugloch. Autsch! Schon hat mich die erste am Knie erwischt. Insekten-Kamikazi. Bei näherer Betrachtung stelle ich fest, dass ich mich in junge, aber bereits sehr aktive Brennnesseln gekniet habe. Na dann! Ich schieße einige Fotos, wobei ich den Körper wohlweislich hinter dem Stock lasse. Bienen haben ausgesprochen kleinkarierte Vorstellungen was die Sicherheit des Luftraums vor ihrem Stock betrifft, Hummeln und Hornissen sind in dieser Hinsicht wesentlich toleranter. Das Hornissennest in unserem Gartenhaus konnte ich stundenlang aus nächster Nähe betrachten, ohne irgendwelche hysterischen Sturzflugattacken zu provozieren.

In Punkto Verpflegung haben die Honigbienen im Moment noch schlechte Karten. Haseln und Weiden, der erste Pollenlieferant im Frühjahr, stäuben noch relativ verhalten und auch sonst blüht noch nicht allzu viel. Akuter Treibstoffmangel! Sozusagen eine Bienen-Ölkrise! Ich drücke den Schwestern der Biene Maya die Daumen für diese Saison und ziehe mich diskret und langsam zurück.

Der nächste Kasten scheint von der Größe her für eine Schleiereule konstruiert zu sein, dazu passt allerdings nicht das winzige Einflugloch. Ein Hornissennistkasten! Nachdem im Frühjahr ausschließlich verlassene Hornissen-Nester zu finden sind, kann man den Deckel ohne Hemmungen öffnen. Gähnende Leere. Schade!

Über Hornissen kursieren leider immer noch die haarsträubensten Gerüchte, vor allem die Angst vor der angeblichen Gefährlichkeit der Stiche versperrt vielen Menschen den Zugang zu diesen faszinierenden und wunderschönen Insekten. Von den sprichwörtlichen sieben Hornissenstichen, die angeblich ein Pferd töten, hat jeder schon gehört, allerdings kein einziges Pferd! Jeder Gaul würde bei einer derart absurden Behauptung in wieherndes Gelächter ausbrechen. Eine gesunde Maus weigert sich selbst noch nach 6 Stichen ganz entschieden in die ewigen Jagdgründe einzugehen, und Mäuse sind eine Winzigkeit kleiner als Pferde! Um einen gesunden Menschen umzubringen, wären daher mehr Hornissen erforderlich, als selbst in einem extrem großen Nest leben (500 – 700 Tiere). Außerdem haben Hornissen bei weitem keinen so notorisch reizbaren Charakter wie die Honigbiene, sondern stechen nur im äußersten Notfall. Also bitte keine Angst! (Eine Fülle an Informationen mit hervorragenden Fotos unter www. Hornissenschutz.de. Ein absolutes Muß für jeden Hornissen-Freak! Eine traumhaft schöne Web-Site).

Etwas frustriert nehme ich mir den Meisenkasten fünf Meter weiter vor. Na, warum denn nicht gleich so! Das Holz der Kastenvorderwand sieht aus wie sandgestrahlt, Produkt der Arbeit von unzähligen, eifrigen Hornissenbesuchen die sich hier mit Baumaterial für ihr Nest versorgt haben.

Als ich den Verschlusshaken umklappe, zerbricht der Boden in zwei Teile und segelt nach unten. Das Holz wurde bis auf eine hauchdünne Schicht abgeknurpselt, mit Speichel vermengt und zum Wabenbau eingesetzt.

Der gesamte Kasten ist mit sechs Wabenetagen ausgefüllt, die einzelnen Zellen zeigen – im Gegensatz zu den Waben der Honigbiene – jeweils senkrecht nach unten.

Alte Nester werden nicht wiederbesiedelt und können daher ohne schlechtes Gewissen entfernt werden. Dieser Fund ist bisher der absolute Höhepunkt des Tages und freut mich total. Ich bin und bleibe nun mal ein Kreuchtundfleucht-Freak!

Auch der nächste Kasten bietet wieder eine Überraschung. Er ist randvoll, allerdings nicht mit Nistmaterial, sondern mit Eicheln. Hier scheint eine Maus einen behaglichen Winter verbracht zu haben. Trocken, warm, Fenster mit Aussicht aufs Gebirge und das Knabberzeug immer bei der Hand. So lässt sich Winter aushalten.

Wie eine kleine Maus es schafft, mit einer Eichel im Maul ohne Absturz an der glatten Kastenvorderseite bis zum Einflugloch zu klettern, entzieht sich allerdings völlig meinem Verständnis. Es muß sich wohl um eine Flug-Maus handeln. Oder sie hatte einen Liefervertrag mit einem Eichelhäher abgeschlossen. Der liebevoll aufgehäufte Vorrat schwindet rasch und landet ein Stockwerk tiefer am Erdboden.

Wenn die Maus mich jetzt sehen würde, wäre sie vermutlich stinks….AAAGH! Ich lasse erschrocken die Spachtel fallen und erwische im letzen Moment noch einen der Leiterholme. Die Eichelbesitzerin war doch zu Hause! Von einer panikerfüllten Maus aus heiterem Himmel angesprungen zu werden, während man auf einer hohen Leiter steht, hat doch etwas ungemein Irritierendes! Das war knapp! Erdanziehungskraft kann verdammt dominant sein und ich habe nicht die geringste Lust experimentell herauszufinden, wie schnell 70 kg im freien Fall beschleunigen und welches Aufprallgeräusch sie auf Schneematsch erzeugen.

Nachdem mein Pulsschlag wieder kardiologenfreundliche Werte erreicht hat, räume ich den Kasten fertig aus, diesmal mit einer gewissen grimmigen Befriedigung. Diese Maus wird mich vermutlich nicht in ihr Nachtgebet einschließen.

Das war´s dann endgültig. Der allerletzte Kasten hängt und wartet auf die Mieter der nächsten Saison, schon bald wird jeder "eine Meise haben".

Und um der Wahrheit die Ehre zu geben: Es hat doch wieder mal Spaß gemacht!

Schließlich hat man nicht alle Tage eine Meise ...!

Copyright ©
Werner David
Erding, 2004
Website mit Naturgartenabteilung: www.bauches-lust.de (Guckst du – lachst du!)
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