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SCHLEIERHAFTES

schleierhaftes.doc [21 KB] (zum Daun-Loden anklicken!)

„Sitz, sitz, sitz, sitz!“

Entgegen dem ersten Eindruck handelt es sich hier nicht um den Appell an einen begriffsstutzigen jungen Hundewelpen, sondern um Bauchakzente, Programmpunkt Nr. 22 der Choreographie zur Musik „Raqset Ritah“ von Mohammed Ali´s CD „1002 Nächte“. Wahrscheinlich werde ich 1003 Nächte brauchen um sie zu begreifen.

Eigentlich bin ich nur versehentlich hier gelandet. Hier, das ist Ingolstadt, Fitnesstudio Scala Sportiv. Auf dem Programm steht ein Choreographie-Workshop einer holländischen Dozentin, organisiert vom Powerfloh Gamila aus Ingolstadt, der zierlichen Bonsai-Variante einer orientalischen Tänzerin. Das mit der Choreographie hat sich bei der Anmeldung irgendwie meiner Aufmerksamkeit entzogen, ich bin eigentlich ein ausgesprochen bockiger Choreographiemuffel. Im Umgang mit einer Choreographie fühle ich mich wie im Kampf gegen die legendäre Hydra, für jeden Kopf den man abschlägt wachsen fünf Neue nach. (Damit meine ich nicht die Köpfe meiner Mitstreiterinnen, sondern die klassische „Wogehtsalsnächsteshin?“-Frage).

Mein Herz schlägt für das Freitanzen. Es hat den immensen Vorteil, daß man kein vorgegebenes Schema einhalten muß und völlig zwanglos vor sich hin „hüftet“. Im Freitanz hat man die Möglichkeit einen „Dialog“ zu einem männlichen oder weiblichen Mittänzer aufzubauen, das macht mir persönlich am allermeisten Spaß am orientalischen Tanz. Freitanzen ist pflegeleicht und unkompliziert. Das nötige Repertoire ist immer am Mann (oder der Frau) und man kann bei Bedarf sofort loslegen, einfach nur aus Spaß an der Freud! Das Ergebnis ist dann zwar nicht unbedingt medaillenverdächtig, kommt aber auf alle Fälle von Herzen.

Letztendlich ist das Ganze wohl Geschmacksache und für Auftritte sind Choreographien sicher ein unverzichtbares Muß.

Da jede Choreographie im ersten Durchlauf den Rahmen meines geistigen Hauptspeichers sprengt, bin ich zwangsläufig auf schriftliche Aufzeichnungen angewiesen und die sind in der Regel ähnlich verständlich wie die Formulare zur Einkommensteuererklärung. Dabei spielt es auch keine große Rolle ob es meine eigenen oder fremde Aufzeichnungen sind. Was während der Choreographie noch logisch und völlig eindeutig klang, hört sich schon eine Woche später wie die Beschreibung der Hüpfspur einer volltrunkenen Wüstenspringmaus an. Höchst bizarr und absolut unverständlich! Nachdem ich außerdem so gut wie nicht auftrete, habe ich mich bisher mit einem Minimum an Choreographien erfolgreich durchgemogelt. Nach vier Jahren ortientalischem Tanz beherrsche ich jetzt ähnlich viele Choreographien wie Graf Dracula Salatrezepte.

Aber meinetwegen, so sei es denn!

Das Fitnesstudio ist gut besetzt. Unsere farbenprächtige, münzgürtelklimpernde Gruppe schreitet vorbei an einem Rudel von Radlern, die mit starrem Blick auf die digitale Anzeige ihrer Trainingsgeräte schwitzend ins Nirgendwo strampeln, ein paar bizepsverliebten Hantelstemmern und einer Gruppe von Frauen, die zu einem aggressiv hämmernden Rhythmus in mannigfaltigen Varianten auf kleine Bänke steigen. Warum? Keine Ahnung, niemand weiß es, vielleicht üben sie für das Oktoberfest.

Die Decke unseres großen Trainingsraums ist mit weißem Stoff abgehängt, dadurch wirkt der Raum wie ein großes Zelt, recht gemütlich.

Nach einem schmissigen Aufwärmen wird es langsam ernst.

Als ich den Gegenstand in der Hand unserer Dozentin sehe, schlägt mein Unterkiefer mit einem hörbaren „Bump“ auf dem Boden auf. Es ist der schrecklichste der Schrecken, ein Schleier! Allmächtiger!! Womit hab´ ich das verdient?
Erst Choreographie und dann auch noch Schleier!

Zur kurzen Erläuterung:

Schleier sind lange, meist farbige, Stoffbahnen, die mit beiden Händen geführt werden und beim Tanz den Blick auf wesentliche Teile der Tänzerin versperren. Die Länge ist so bemessen, daß man im Laufen auf ihn treten kann, um rasch und effektvoll in die Bodenlage zu kommen. Schleier neigen dazu, sich am Körper ihrer Besitzer/innen hoffnungslos zu verheddern, gelingt es dann endlich sie frei zu bekommen, haben sie ähnlich hervorragende aerodynamische Eigenschaften wie eine tote Fledermaus oder ein nasser Putzlumpen. Schleier sind nie da, wo man sie gerade braucht, aber immer da, wo sie im Weg umgehen, vorzugsweise im Gesicht.

Bestickte Schleier sind so schwer, daß nur ein mörderischer Sprint sie zum Wehen bringt, Seidenschleier dagegen so leicht, daß sie immer drei Takte hinterher wehen. Schleier dienen im Nahkampf bei Gruppenchoreographien dazu, vernichtende Schläge auf den Gegner als dynamische Drehbewegungen zu tarnen und mehr Platz für die eigene Entfaltung zu schaffen. Schleier sollten sanft wie ein Schmetterlingsflügel wehen, gleichen aber häufig einer gebrochenen Flugsaurierschwinge.

Schleier gehen ebenso innige wie ungewollte Verbindungen mit Ohrgehängen und Münzgürteln ein, die nur mit einem energischen „Ratsch“ gelöst werden können, ein Vorgang, bei dem meist beide Beteiligten in die ewigen Jagdgründe eingehen.

Schleier rollen sich nach dem Fallenlassen auf magische Weise ein und kichern hämisch wenn die angenervte Tänzerin beim zweiten Schleierteil innerhalb der gleichen Choreographie die verdammten Ecken nicht findet. Schleiertänze haben häufig Ringkampfcharakter und wirken wie das Zureiten eines bockigen Mustangs.

Schleier helfen beim Tanz in Lokalen die umliegenden Tische mit eleganten Drehbewegungen abzuräumen, um dem neugierigen Publikum freie Sicht auf die Tänzerin zu gewährleisten. Schleier beschäftigen eine Tänzerin derart, daß sie das Publikum getrost vergessen kann und dienen im weggeworfenen Zustand als Bananenschalenersatz für Slapstick-Einlagen.

Kurzum, jedes Tänzerherz schlägt höher beim Anblick dieses Utensils.

Zugegeben, ich bin ein klein wenig parteiisch! Ich persönlich bevorzuge die ägyptische Variante des Schleiertanzes. Eine Runde um die Manege, ein paar Drehungen und dann: Schleier über Bord und ab geht die Post!

Ganz so furchtbar, wie es bisher klang ist der Umgang mit diesem vertrackten Stoffteil natürlich nicht. Es gibt wunderschöne Choreographien, ein Schleier kann bei einer Frau ausgesprochen ästhetisch und schwerelos wirken, bei einem Mann finde ich ihn ähnlich passend wie einen BH. (Nein, ich trage keinen!). Aus diesem Grund wird mir der Schleier auch weiterhin schleierhaft bleiben.

Meine trotzige Weigerung das verhaßte Teil zu verwenden stößt Gott sei Dank auf Verständnis und mir wird wieder etwas leichter ums Herz. Es lebe die weibliche Toleranz!

Der erste Teil der Choreographie besteht aus raumgreifenden Wechselschrittkombinationen und diversen Drehungen. Bezüglich der Drehrichtung herrscht anfangs eine gewisse Uneinigkeit. Es gibt die Fraktion der Linksddreher, der Rechtsdreher und der „Schaunwirerstmalwasdieanderenmachen“-Dreher, zu der ich auch gehöre. Sobald ich Klarheit über die weitere Reiseroute gewonnen habe, hechte ich hinter der Masse her.

Im Idealfall bin ich bei einer Choreographie von vier Frauen umgeben. Dabei geht es mir weniger um die Befriedigung von Machogelüsten und unbewußten Haremssehnsüchten, als vielmehr um die Möglichkeit nach allen vier Himmelsrichtungen spicken zu können. Langsam kommt es zu einer gewissen Einigung bei den Drehungen, wenn es auch bis zum Schluß noch „Geisterdreher“ gibt.

Der Schleierteil zieht sich in die Länge. Wenigstens muß ich nicht auch noch das verflixte Flatterteil unter Kontrolle bringen. Ich konzentriere mich auf die Drehungen und lasse die Arme relaxed baumeln. Nicht lange, dann haben mich die Argusaugen der Dozentin erspäht. Ade Faulheit! Bei der Schmetterlingsdrehung mit dem Schleier werden die Arme wie beim Kajakpaddeln parallel zueinander in einer achtförmigen Bewegung geführt. Ganz schön vertrackt, schon ohne Schleier.

Die Zeit vergeht wie im Flug. Die Raumtemperatur ist mittlerweile um mindestens zehn Grad gestiegen und die klassischen dunklen Flecken zeichnen sich auf den Trikots ab.

Unsere Schleierdompteuse rät uns rechtzeitig zu trinken, weil angeblich das Gehirn als eines der ersten Organe auf Austrocknen reagiert. Diese erschreckende Meldung hat ein sofortiges Rudeltrinken zur Folge. Ich bin zwar ebenfalls naß geschwitzt, aber Durst habe ich eigentlich noch keinen. Die sympathische junge Frau zu meiner Rechten, klärt mich liebevoll auf, daß die einzige Gehirnzelle des Mannes sehr widerstandsfähig gegen Austrocknen ist und ich mir keine Sorgen zu machen brauche. Ist es nicht schön, wenn man gemocht wird?

Endlich, nach einer letzten Drehung fällt das vertrackte Stoffteil endgültig. Hallelujah, Land in Sicht!

Die folgenden Abschnitte bestehen wieder aus solider, orientalischer Hausmannskost, Balsam für meine wunde Seele. Es lebe der Drop!

Langsam geht mir geistig und körperlich die Luft aus. Die Choreographie erstreckt sich über mörderische 8 ½ Minuten, nach ca. 6 Minuten ist meine Aufnahmekapazität überschritten. Vielleicht sollte ich meine Hirnzelle doch zur Teilung anregen!

Im letzten Teil der Choreographie werden nach einem dynamischen Abtauchen mit seitlichem Ausstellschritt die Haare dramatisch nach hinten geworfen. Ich ernte amüsierte Blicke. Haarakzente! So eine Schnapsidee!! Was zum Kuckuck soll ich dabei werfen? Ein Toupet? Meine Frisur ähnelt einer Steppe nach der sommerlichen Dürre, da hilft das ganze Werfen nichts. Der Akzent wird ersatzlos von mir gestrichen.

Beim Finale gebe ich den Geist völlig auf. Erst ein eingesprungener Kamelgang, halbkreisförmig in Lichtgeschwindigkeit, gefolgt von etlichen Turbodrehungen die nach Erreichen völliger Orientierungslosigkeit in der Schlußpose enden. Irre! Falls es einen lauten Knall geben sollte, war es eine der Tänzerinnen, die versehentlich durch die Schallmauer gedonnert ist. Mit soviel Temperament am Ende eines Workshops kann ich nicht mehr mithalten, deswegen wähle ich die Rentnervariation am Platz. „Al Atschala min aschejtan.“ Eile ist Teufelswerk!

Nach diesem furiosen Finale - die meisten schnappen immer noch nach Luft - hat der Workshop keine weiteren Höhepunkte mehr zu bieten. Zugegeben, die Choreographie kann ich trotz der verzweifelten Bemühungen unserer Dozentin immer noch nicht, aber Spaß gemacht hat es auf alle Fälle.

Fazit: Choreographie und Schleier sind Werner nicht geheuer! Was manche mit dem Schleier schafft, bleibt ihm auch künftig schleierhaft.



Copyright ©
Werner David
Erding, 1998
Oohl reits risöörfd

Weitere 28 tierisch ernste Artikel rund um den Orientalischen Tanz findet ihr in „Bauches Lust, Bauches Frust“, ISBN 3-8311-1964-3, 139 Seiten, 9,50 Euro. Nähere Infos auf meiner Homepage www.bauches-lust.de

Guckst du einfach mal rein!

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